Die römische Liebeselegie: Dramatis figurae – Wer spricht? II
Ergänzende Materialien zur Vorlesung finden Sie unter: http://www.philologievonunten.de An Properz‘ Elegien (1, 22; 1, 19; 2, 13B) konnten wir studieren, wie originell ein Lebenswurf sein kann, der vom Tode her gedacht ist. ‚Originell‘ ist er, weil er ‚original‘ ist: weil er seine staubgebundene, äscherne Materialität nicht leugnet, sondern sie vielmehr in schockierenden Ansichten (ja, es sind mehr Ansichten als Bilder) ausstellt. So findet der Dichter zu einer Sprache, die revolutionär ist – nicht, weil sie ihr Material fortentwickelt, sondern weil sie es festhält und in jedem Augenblick an diesen unhintergehbaren Grund ihres Sprechens erinnert. Daß aus Properz‘ Liebeselegien nicht wirklich etwas zu lernen ist, ist wohl schon so manchem seiner Verehrer aufgegangen. Aber warum macht der Autor dann so viel Aufhebens von seiner Didaktik? Gedicht 1, 7 ist ein gutes Beispiel für das – bei oberflächlicher Betrachtung – groteske Mißverhältnis von erzieherischem Aufwand und Nutzen. Erst in athematischer Perspektive erschließt sich, daß es das Feuer ('ardor', 'ignis'), das eigene und das der anderen, ist, das macht, daß ein Kreislauf von Energien in Schwung kommt, den nur eine Literaturgeschichte der Intensität zureichend beschreiben kann. Tibull teilt so manchen schöpferischen Impuls mit dem elegischen Zeitgenossen, flicht die pathographisch grundierte Elegie 1, 3 aber ein in ein bewährtes Muster großer Erzählungen (Philoktet, Odysseus und Penelope), die er freilich nicht stur zuende führt, sondern in einem aufregenden Moment der Suspension, der gespanntesten Erwartung stille stellt. Ovid dagegen schöpft das Arsenal seiner Möglichkeiten aus (trist. 3, 3). Wo Properz den mythischen Archetyp seines Traumas: „Antigone deckt die unbestatteten Gebeine des toten Bruders mit Staub“ diskret übergeht, benennt Ovid, ohne zu zögern, die ‚historische‘ Referenz. Ihm liegt freilich auch nicht an der Fortsetzung des Properzischen Modells der ‚Originalität‘. Gerade weil auch er die Literaturgeschichte als einen Verbund der Intensitäten denkt, geht er einen anderen Weg und arbeitet – wie schon in den gleichzeitig entstandenen 'Metamorphosen' – an einer Art „Metaphysik des Buches“. Und doch verneigt er sich vor dem Werk des Vorgängers, wenn er seinen Höhenflug mit der Feststellung beschließt, daß noch seine Asche die Liebe der Hinterbliebenen spüren wird ('sentiet officium maesta favilla pium', 3, 3, 84). #Elegie #Materialität #Dichtung #Latein #Properz #Tibull #Ovid #Theorie #Semiotik #Übersetzung #Literatur #Literaturwissenschaft #Literaturgeschichte #Dichter #Antike #Altertum #Rom #Römer #Roma #Rome

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