Boss der Bosse der russischen Mafia. Der Mann, der die postsowjetische Unterwelt beherrschte
Um zu verstehen, wer dieser Mann war, muss man zunächst ein paar Begriffe erklären, ohne die die postsowjetische Unterwelt nicht zu begreifen ist. Ein Dieb im Gesetz, russisch Wor w sakone, ist kein gewöhnlicher Krimineller, sondern Träger des höchsten Titels in der kriminellen Hierarchie der Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten, ein Rang, der von anderen Autoritäten verliehen und anerkannt werden muss. Die Verleihung dieses Titels nennt man Krönung, und gemeint ist keine echte Krone, sondern eine kriminelle Weihe nach festen Ritualen. Der Gekrönte unterwirft sich einem ungeschriebenen Kodex: keine Zusammenarbeit mit dem Staat, keine offizielle Arbeit, keine Verleugnung des eigenen Status, nicht einmal gegenüber der Polizei. Dazu gehört der Obschtschak, die gemeinsame Kasse der Unterwelt, aus der Gefängnisse versorgt, Anwälte bezahlt, Beziehungen gepflegt, Menschen gekauft und Kriege finanziert werden. Und es gibt die Schodka, den geschlossenen Rat der Autoritäten, auf dem Streitigkeiten entschieden, Titel verliehen und aberkannt werden. Wer diese Welt verstehen will, muss wissen: Hier ersetzen Rituale das Gesetzbuch, und ein Wort kann tödlicher sein als eine Kugel. Aslan Raschidowitsch Usojan, den die Welt später als Ded Chasan kannte, war in diesem System nicht irgendein Spieler. Er war jahrzehntelang einer der obersten Schiedsrichter und Schattenherrscher der postsowjetischen Unterwelt, ein Mann, dessen Wort von Moskau über den Kaukasus bis in die Ukraine, in den Ural und in Teile Westeuropas Gewicht hatte. Er selbst hat, soweit bekannt, nie geschossen. Aber seine Entscheidungen lösten Kriege aus, Gebietsaufteilungen, Entthronungen, Morde an Autoritäten und Schlachten um gewaltige Summen. Seine Gegner starben zu Dutzenden, und genau darauf ruhte seine Autorität, die niemand offen in Frage stellte. Als er starb, berichteten praktisch alle Nachrichtenagenturen der Welt über den Tod des Bosses der Bosse der russischen Mafia. Kathy Lally, Korrespondentin der Washington Post, nannte den getöteten Usojan den russischen Don Corleone. Die britische Financial Times schrieb, ermordet worden sei ein Mann, der als oberster krimineller Boss in Russland und darüber hinaus galt. So viel Aufmerksamkeit für einen russischen Verbrecher empörte sogar den Politiker Wladimir Schirinowski. Und noch zehn Jahre nach seinem Tod sprachen viele mit ehrfürchtigem Zittern von ihm, manche schlicht mit Angst.

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