Der Gärtner und die Uhren
In einem Dorf am stillen Brunnen, wo früher jeder jeden kannte, hing eines Morgens an den Türen ein kleines Schild mit goldner Kante. Da stand: „Wir nehmen eure Sorgen, wir messen für euch Licht und Wind. Wir sagen euch, was wahr sein dürfte, wenn eure Augen müde sind.“ Die Leute lasen, nickten leise, denn es klang bequem und klug. Und nur der alte Gärtner schwieg und strich die Erde glatt am Pflug. Er sagte nicht: „Die Welt geht unter.“ Er sagte nur: „Seht hin. Wer seinen Brunnen nicht mehr prüft, vergisst, woraus er trinkt.“ Bleib leise wach, wenn alle lauter werden. Bleib weich im Herz und mit den Füßen auf der Erde. Glaub nicht zu schnell, doch zweifle nicht an allem. Wer nur noch fremde Uhren hört, kann aus dem eig´nen Leben fallen. Dann kamen Händler mit Laternen, die brannten ohne Öl. Sie sagten: „Kauft euch neue Schatten, die alten sind doch viel zu hohl.“ Sie malten Fenster auf die Mauern, so hell, so groß, so rein. Und viele sahen durch die Bilder und hielten sie für Sonnenschein. Die Kinder lernten neue Worte, doch nicht mehr, was sie sah’n. Die Alten falteten die Hände und so fing der Schlamassel an. Der Gärtner nahm die kleinen Samen, legte sie sanft ins dunkle Beet und sagte: „Manches wächst im Dunkeln, wenn man nicht zu sehr daran dreht.“ Bleib leise wach, wenn alle lauter werden. Bleib weich im Herz und mit den Füßen auf der Erde. Glaub nicht zu schnell, doch zweifle nicht an allem. Wer nur noch fremde Uhren hört, kann aus dem eig´nen Leben fallen. Eines Nachts verstummten plötzlich die Glocken auf dem alten Turm. Kein Feuer, keine große Rede, kein Aufstand und kein Bildersturm. Nur jeder stellte seine Uhr nach fremden Stimmen aus der Ferne. Und keiner wusste mehr genau: Ist das noch Nacht, sind das noch Sterne? Da ging der Gärtner durch die Gassen, klopfte aber nirgends an. Und zündete an jedem Brunnen eine kleine Kerze an. Wer dann am Morgen Wasser holte, sah tief sein eigenes Gesicht. Nicht schön, nicht falsch, nicht fertig, nur echt im zitternd trüben Licht. Dann merkten manche ohne Worte, was man verliert, ganz leicht und schal: Nicht große Freiheit auf den Plätzen, zuerst die eig´ne inn´re Wahl. Der Gärtner wurde alt darüber, wie jeder alt und müd´ sein darf. Er trug kein Schild, er rief kein Urteil, er sprach nicht laut und auch nicht scharf. Er sagte: „Hütet eure Fragen, doch macht daraus kein scharfes Schwert. Nicht jeder, der euch widerspricht, ist allein deshalb schon verkehrt. Doch wer euch nimmt, was ihr selbst sehet, und es euch neu und falsch verkauft, der baut euch teure goldne Käfige, nennt sie modernen Zeitenlauf.“ Bleib leise wach, wenn alle lauter werden. Bleib weich im Herz und mit den Füßen auf der Erde. Glaub nicht zu schnell, doch zweifle nicht an allem. Wer nur noch fremde Uhren hört, kann aus dem eig´nen Leben fallen. Bleib leise wach, auch wenn die Nacht sich dehnt. Ein Mensch, der noch selbst sehen kann, ist einer, der noch aufrecht steht. Und wer den Brunnen wiederfindet, muss niemanden besiegen. Er muss nur trinken. Und wach bleiben.

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