Paul Klee - Diesseitig bin ich gar nicht fassbar (Porträt des deutsch-Schweizer Malers von 1979)
"Paul Klee - Diesseitig bin ich gar nicht fassbar" Film ARD 1979 von Gerd Kairat. Zum 100. Geburtstag Paul Klees. Aufnahme: NDR 18.11.2003. Aus der "ZEIT" von 1979: Einer der meistzitierten Sätze von Paul Klee, vom frühen Tagebuchwort wurde es zu seiner Grabinschrift, gab den schönen Titel für diesen Film: "Diesseitig bin ich gar nicht fassbar. Denn ich wohne grad so gut bei den Toten, wie bei den Ungeborenen. Etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich. Und noch lange nicht nahe genug. Geht Wärme von mir aus? Kühle? Da ist jenseits aller Glut gar nicht zu erörtern. Am Fernsten bin ich am Frömmsten. Diesseits manchmal etwas schadenfroh." Eine umfassende Selbstdarstellung: nüchtern und ausschweifend, empirisch und philosophisch, durchsichtig und opak, andächtig und witzig. Wenn man sich auf diese Sätze eingelassen hätte bei dem Versuch, den durch allzu viele hochtönende Interpreten ebenso entrückten wie durch allzu viele bunte Kalenderblätter verschlissenen Klee zu porträtieren, dann wäre wohl ein Abglanz jenes im wahrsten Sinne des Wortes universalen Künstlers dieses Jahrhunderts eingefangen worden (universal, hatte Werner Schmalenbach einmal geschrieben, sei Klee deshalb, weil er wie kein anderer Maler das ganze Universum zum Gegenstand der Malerei gemacht habe). Aber Gerd Kairat hat den Klee-Satz im Stadium des Aufklebers belassen und einen mutlosen Kulturfilm von echtem (und das heißt gelegentlich leider auch: falschem) Schrot und Korn gedreht. Dass es so etwas noch gibt, hätte man eigentlich gar nicht mehr für möglich gehalten. Das fängt an mit der Geburt und geht weiter in dem Stil "Doch bald schon zogen die Eltern mit dem kleinen Paul und der drei Jahre älteren Schwester Mathilde nach Bern". Prompt kommt ein Bild von Bern. So wird jede Geographie illustriert, möglichst damals und heute. Das mag noch angehen. Nur wenn später bei der Erwähnung von Klees Heirat mit der Pianistin Lily Stumpf ein Klaviergeklimper ertönt und bei dem Hinweis auf Klees ewige Katzenliebe Klees heute auch schon recht betagter Sohn Felix so ein Schnurretier dann stellvertretend ausführlich streichelt, dann heißt das den Künstler wie den Zuschauer für dumm verkaufen. Aber über die Unkultur des Pleonasmus, in der Kulturberichterstattung des Fernsehens ohnehin weit verbreitet fröhliche Urständ feiernd, kann man wohl nicht streiten. Mancher hat’s gern doppelt dick. Mit und ohne Fernsehen fragwürdig sind allerdings kunstkritische Charakterisierungen wie "Die Freundschaften im Tasso’ werden gekonnt illustriert. Seine Stilisierungen verraten Talent". Oder: "Auch zum Fisch-Thema gibt es eine ganze Reihe von Ölbildern." Oder: "Dieses Aquarell vereinigt den Zeichner und den Maler. Es verweist auf die fast unbeschränkten Techniken, die Klee zeichnend, malend, kratzend Und spachtelnd anwendet." Durch solche Wertungen, Subsumierungen und Beschreibungen – entstanden wohl aus der an sich guten Absicht, auf der Erde der verständlichen Begriffe zu bleiben – wird Klee zur universalen Platitüde, wird reduziert auf eben jenes Kunstkalenderblatt mit Sinnspruch. Ganz einfach falsch werden solche von einem Harmonie- und letztlich notenverteilenden Andachtsstreben (der Film endet mit dem Satz "Das Abenteuer und Wagnis mit der Kunst hat er bestanden") getragenen Simplifizierungen, wenn es dann heißt: "Übrigens sind die Bildtitel von Klee immer eine Einstimmungshilfe, klären den Sachverhalt ganz eindeutig." Die Bildtitel sind, wie die Arbeiten’ selber, gerade nicht eindeutig, sondern übertreiben oder untertreiben, pointieren oder mystifizieren oder ironisieren das Thema, gehören zu dem Prozess der Metamorphose zwischen Realem und Phantastischem, dem Organischen und Geometrischen, in dem Klees Werk sich entfaltet.

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