Wiesenberg - Vier jiddische Lieder | Yuval Weinberg | SWR Vokalensemble

Wiesenbergs Vier jiddische Lieder, aufgeführt vom SWR Vokalensemble unter der Leitung von Yuval Weinberg. Ein Mitschnitt aus der Generalprobe am 10. Juli 2024 in der Evangelischen Kirche Stuttgart-Gaisburg. Die Übertragung des Konzerts musste streikbedingt entfallen. Menachem Wiesenberg - Vier jiddische Lieder nach Abraham Sutzkever (UA) Wer wet bleib'n, wos wet bleib'n 0:00 In Chuter / In der Hütte 2:58 A Wogen Schich / Ein Wagen Schuhe 7:26 Jiddische Gass / Jüdische Straße 11:50 Wer wet bleib'n, wos wet bleib'n? / Wer wird bleiben, was wird bleiben? Mitwirkende: SWR Vokalensemble Dirigent: Yuval Weinberg ► ARD Klassik Mediathek: https://ard-klassik.de ► Web: http://swr.li/web-concerts ► Facebook: / klassikswrkultur Impressum: https://www.swr.de/impressum Kommentare sind willkommen – aber bitte unter Beachtung unserer Netiquette: https://www.swr.de/home/netiquette-100 Datenschutz: https://www.swr.de/datenschutz Texte: In Chuter / In der Hütte Sonnenuntergang auf eisigblauen Wegen. Süße Schlummerfarben im Gemüt. Eine Hütte leuchtet aus dem Tal entgegen, ist mit einem Schnee aus Abendrot verweht. Wunderwälder schmiegen sich auf Scheiben, Zauberschlitten klingen rings im Kreis. Unterm Dach, im engen Schlage, gurren Tauben, streicheln mein Gesicht mit Gurren. Unterm Eis, das durchzogen ist von blitzenden Kristallen, ist das Strömen des Irtysch noch zu erahnen. Unter Kuppeln, weit gespannt, aus Stille, blüht dort eine Welt – ein Kind von sieben Jahren. A Wogen Schich / Ein Wagen Schuhe Die Räder jagen, jagen, was tragen sie mir zu? Es wimmelt auf dem Wagen von einer Ladung Schuh. Als käm ein Hochzeitsbaldachin im abendlichen Glanz, so rollt der Karren Schuh dahin wie Menschen, froh beim Tanz. Ist wirklich Hochzeit heute? Was täuscht nur meinen Blick? Das Schuhwerk ruft vertraute Gestalten mir zurück. Ich hör die Absätz klappern: Wohin, wohin, wohin? Aus alten Wilner Gassen treibt man uns nach Berlin. Wer wohl die Schuh getragen… Mir läuft durchs Herz ein Riss. Ihr Schuh, ihr müsst mir sagen: Wo sind sie, eure Füß? Die Füß zu den Pantoffeln mit Knöpfen hell wie Tau. Mein Blick sucht ohne Hoffen den Säugling, sucht die Frau. Und Schühchen, winzig kleine, warum seh ich kein Kind? Zieht keine Braut sich, keine, die Brautschuh an geschwind? Ich find bei all dem Leder der Mutter Schuh, die besten, die trug sie hin und wieder an Sabbat nur und Festen. Ich hör die Absätz klappern: Wohin, wohin, wohin? Aus alten Wilner Gassen treibt man uns nach Berlin. Jiddische Gass / Jüdische Straße Du bist nicht vergangen. Deine Leere ist voll! Voll mit Volk – wie mein Aug mit der Mutter. Irgendwo flattert noch ein Fetzen eines heiligen Buches, eine Synagoge – es haben über sie die Flammen keine Macht. Ich würde schwören: Überirdisch ist dein Territorium; tief im »Gewesen« und tief im »Wird-Sein« – deine Stämme. Hier ist der Bart über dem bläulichen Talmud, hier ist der heilige Kwass-Laden. Jüdische Straße. Du bist die Melodie, die vor vielen Generationen von Meister-Musikanten gespielt wurde. Die Musik hat sich als Straße verkleidet, und nur dem Armen deucht: du seist arm. Wem jedoch das Glück beschert ist, der sammelt deine Pracht mit offenen Armen ein. Hier ist das Banner – vom Blutregen nass, hier ist die Lehrerin Mira in der Klasse. Jüdische Straße. Lebt nicht die Melodie, wenn tief auf ihrem Grund das Gebein des gefallenen Spielers strahlt? Steinerne Liebkosung umwickelt mich, – Mich, deinen die-Weiten-Durchwandernden, mich, deinen Erfüller Jüdische Straße, wir wollen einen Bund schließen: Lass mich deine Ewigkeit vernehmen, – stiller: Dann bist du hier wieder Ein-Solches und So-Eins höher als der Hass und die Furie Zeit – Jüdische Straße! Wer wet bleib’n, wos wet bleib’n? / Wer wird bleiben, was wird bleiben? Wer wird bleiben, was wird bleiben? Bleiben wird ein Wind, bleiben wird die Blindheit, wenn des Blinden Zeit verrinnt. Bleiben wird ein Zeichen nur vom Meer: ein Bändchen Schaum, bleiben wird ein Wölkchen bloß, verheddert hoch im Baum. Wer wird bleiben, was wird bleiben? Bleiben wird ein Wort, dass es – wie das Gras »Im Anfang« – keimt an jedem Ort. Bleiben wird die Fiedelrose, für sich selber blühn, sieben Gräser von den Gräsern werden sie verstehn. Aus der Sterne weit gen Norden ausgespanntem Zelt bleiben wird der Stern für immer, der in eine Träne fällt. Bleiben wird noch stets ein Tropfen Wein in seinem Krug. Wer wird bleiben? Gott wird bleiben. Ist das nicht genug? Text nach Abraham Sutzkever / Übertragung: Peter Comans [Nr. 1, 3, 4], Armin Eidherr [Nr. 2]