Pieros Feldzug

Felix Meyer & project île am 1. Oktober '22 in der Jenaer Friedenskirche... Danke, du fabelhafter Sänger, Hommage an unsere Sprache & schier unerschöpfliches Textbuch einer weltklasse Band! Nachklang von Ines Schoblocher Zu Beginn des Konzertes im Rahmen des Jenaer Liederherbstes sind die Reihen der Friedenskirche gut mit Zuschauern gefüllt. Kurz nach 20:00 betreten die Musiker Claudius Tölke, Erik Manouz, Clemens Litschko, Johannes Bigge und Norman Daßler die Bühne, gefolgt von dem Sänger Felix Meyer. Sie beginnen mit dem Song, der den Titel ihres aktuellen Albums trägt, „Später noch immer“. Vom ersten Moment an füllen Meyers bildstarke Erzählweise samt musikalischer Untermalung den Raum der Kirche aus. Die Stimmung im Publikum wie auf der Bühne konzentriert und gebannt. In Meyers poetischen und an Metaphern reichen Texten formen sich vorm inneren Auge wie Kurzfilme anmutende Reihen von Bildern mit starken Pointen - einige ziehen im Takt der Musik vorüber - andere bleiben deutlicher hängen, brennen sich regelrecht ein. Manch einer mag genau hinhören, wenn Meyer von „leichtem Gepäck“ und einem „Kopf voll von Scherben“ oder „Schmetterlingsflügeln im Bauch“ singt und versuchen, ein Gesamtbild zu finden, andere mögen sich einfach von den teils wie französische Chansons anmutenden Melodien davontragen lassen. Beides kann auf überraschende Weise auch gleichzeitig geschehen. In manch anderen Liedern offenbart auch die Komposition den Ernst der Zeilen. „Der letzte schöne Tag“ oder „Pyramide“ gehören dazu. In ersterem Titel zeichnet der Sänger Stimmungsbilder der letzten Jahre, die er als „Zeitenwende“ erlebt hat und im Zweiten das einer möglichen, düsteren Zukunft. „Polly“ deutet auf die immer breiter werdenden Ränder der Gesellschaft hin. Andere Lieder kommen hoffnungsfroher daher. So zum Beispiel das in Kooperation mit dem dänischen Liedermacher Christian Juncker entstandene „Leg dein Herz in meine Hand“ oder das vor Lebensfreude nur so strotzende „Lagerfeuer“. Songs des aktuellen Albums „Später noch immer“ wechseln mit ausgewählten früheren Stücken ab. Zwei davon sind Übersetzungen Meyers aus dem Französischen: „Der Wind trägt uns davon“ (i.O. von Noir Désir) und „Die Corrida“ (i.O. von Francis Cabrel). Diese beiden Lieder tauchen seit jeher in jedweder Setliste der Band auf. Auch ein aus dem Italienischen übersetztes Stück des Liedermachers Adriano Celentano namens „Pieros Feldzug“ taucht im Programm auf. Es dient dem Sänger als Basis für ein Statement gegen Krieg zu jeder Zeit an jedem Ort. „Das Kaninchen und die Schlange“, ein Titel des neuen Albums, kommt wie eine Art Eingeständnis daher und hat die Kraft, Brücken zu schlagen über den gesellschaftlichen Riss der letzten Jahre. Das Lied kommt ach so beschwingt daher, aber geht sehr tief ein! Bei den letzten Stücken wird die Stimmung ausgelassener, die Leute erheben sich auf Meyers Geheiß hin endlich von ihren Kirchenbänken, tanzen und stimmen zu Liedern wie „Liebe, Dreck und Gewalt“ oder „Der Wind trägt uns davon“ mit ein. Gen Ende des Abends, schon nach den ersten Zugaberufen des Publikums, ertönen sachte immer lauter werdende Orgelklänge. Johannes Bigge spielt die Melodie von „Dem Menschen ein Mensch“ an und Felix Meyer singt von der Empore aus: „Nur der Mensch kann dem Menschen ein Mensch sein, wenngleich der Rest der Welt dabei verloren zu gehen droht...“. Was für eine Stimmung! Ganz zum Schluss spielen sie „Kaffee ans Bett“, eins ihrer ersten Stücke - quasi ein Klassiker - unplugged im Kirchengang inmitten der Zuschauer. Ein besonderer Ausklang eines besonderen Abends, der sicherlich bei vielen noch lange nach- und weiterklingen wird! https://felixmeyer.eu/