Franz Kafka - Das Schloss - 2. Teil

Franz Kafka Das Schloss - 2. Teil gelesen von Ulrich Matthes [00:00:00] - 05. Kapitel [00:50:14] - 06. Kapitel [01:23:08] - 07. Kapitel [01:47:30] - 08. Kapitel [02:10:50] - 09. Kapitel Nach jahrelangen Schreibschwierigkeiten begann Kafka, vermutlich nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch, im Februar 1922 während eines Erholungsaufenthaltes im Riesengebirge in Spindlermühle den Roman Das Schloss zu schreiben. Unweit davon liegt das Schloss Friedland. Im März stellte er seinem Freund Max Brod das Geschaffene vor. Den Sommer verbrachte Kafka zur weiteren Erholung in Westböhmen in Plan, dort führte er den Roman weiter. Am 1. Juli 1922 wurde er endgültig pensioniert, da eine Arbeitsfähigkeit nicht mehr zu erwarten war. Im Herbst musste er zurück nach Prag, die Gesundheitsprobleme nahmen zu. Kafka legte nach dieser Unterbrechung das Romanfragment endgültig beiseite. In den autobiografischen Schriften Kafkas gibt es wenige Hinweise auf die Entstehung des Schlossromans. So geben Kafkas Aufzeichnungen auch keine Auskunft über Anregungen aus Filmen. Auffällig sind jedoch die Ähnlichkeiten mit dem Murnau-Film Nosferatu, der 1921 entstand und am 4. März 1922 in Berlin Premiere hatte. Im Film wird ebenfalls ein Schloss mit geheimnisvollen Vorgängen, zu dem ein Mensch von außen Zutritt sucht, dargestellt. Kafkas Kuraufenthaltsort Matlarenau (Matliary) in der Hohen Tatra lag unweit der Arwaburg (Oravský hrad), die Schauplatz des Filmgeschehens war und die mit dem im Roman beschriebenen Schloss auffallende Übereinstimmungen zeigt. Zu Beginn des Romanfragments trifft der Protagonist K. in einem winterlichen Dorf ein, das zur Herrschaft eines Schlosses gehört. Gefragt, ob er eine Erlaubnis zum Aufenthalt habe, erklärt er, der bestellte Landvermesser zu sein. Wie aus einem Gespräch mit dem Dorfvorsteher im weiteren Verlauf hervorgeht, wurde die Bestellung eines Landvermessers zwar diskutiert, es bleibt aber ungeklärt, ob eine Berufung K.s tatsächlich erfolgte. So darf er zwar bleiben, aber nur zeitweise als Schuldiener arbeiten. Das Schloss mit seiner Verwaltung scheint durch einen gewaltigen, undurchschaubaren bürokratischen Apparat jeden Einzelnen der Einwohner zu kontrollieren und dabei unnahbar und unerreichbar zu bleiben. Einer nicht greifbaren bedrohlichen Hierarchie ausgesetzt, an deren Spitze sich die Beamten des Schlosses befinden, gestaltet sich das Leben der Dorfbewohner bedrückend. Bei Überschreitung der Vorschriften droht vermeintlich Schlimmes. Vom Schloss werden aber niemals erkennbare Sanktionen erhoben. K.s ganzes Streben ist darauf gerichtet, sich dem Schloss zu nähern. Doch sämtliche Anstrengungen scheitern. Die Vorgänge zwischen Dorf und Schloss und das untertänige Verhalten der Dorfbewohner bleiben ihm unverständlich. Anfangs voll Ehrgeiz und Zuversicht, fühlt sich K. zunehmend ohnmächtig angesichts der Undurchschaubarkeit des Systems, in dem er sich befindet. Es zeigt sich am Ende eine gewisse Annäherung an die Dorfbewohner. Nach mehreren Gesprächen mit verschiedenen Frauen aus dem Dorf bricht der Roman ab. Ein reales Beispiel für das Schloss könnte der Hradschin in Prag sein, in dessen unmittelbarer Nähe Kafka selbst einige Zeit lebte. Weitere Vorbilder werden in der Nosferatu-Burg in der Hohen Tatra, im Schloss Wallensteins in Friedland oder in demjenigen im Dorf Wossek, aus dem Kafkas Vater stammte, gesehen. Auch das palastartige Gebäude von Kafkas Dienstherren, der Prager Arbeiter-Unfallversicherung, in der hunderttausende von Aktenvorgängen zu bearbeiten waren, soll Pate gestanden haben. Personelle Bezüge werden zwischen der Romanfigur Frieda und Kafkas früherer Freundin Milena Jesenská gesehen. Der Gasthof „Herrenhof“ ist gleichzeitig ein Café in Wien (von den Literaten auch „Hurenhof“ genannt), in dem sich Milenas Mann Ernst Polak mit Franz Werfel, Otto Pick, Egon Erwin Kisch und Otto Gross zu treffen pflegte. In Barnabas’ Schwester Olga kann Kafkas Lieblingsschwester Ottla entdeckt werden. Die einfache, bedrückte Familie des Barnabas weist auf Kafkas zweite Verlobte Julie Wohryzek mit ihrer armen Familie hin. Laut Reiner Stach ist es jedoch fraglich, „ob man den Landvermesser K. wirklich als Kafkas Stellvertreter, sozusagen als eine Kafka-Puppe sehen kann, an der moritatenhaft das Schicksal ihres Erfinders exerziert wird“. Kafka ist beruflich nicht mit K. zu vergleichen, vielmehr ist sein sicherer Arbeitsplatz als Jurist in einer gehobenen Stellung bei der Arbeiter-Unfallversicherung ähnlich der Stellung der höheren Beamten des Schlosses. Bezeichnenderweise residierte diese riesige Versicherung ebenfalls in einem palastartigen Gebäude in Prag. In den erhaltenen Arbeitstexten Kafkas treten Entschlossenheit und praktische Zielführung hervor. Er hat den Umgang mit der Bürokratie offensichtlich auf hohem Niveau beherrscht, im Gegensatz zu seinen Romanhelden, die, wie Peter-André Alt formuliert, „mit resignativer Passivität vor den Ordnungslabyrinthen der Bürokratie stehen“.