F.M. Klinger Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt Erstes Buch 03

In der Reformationszeit lebte ein Alchemist und Wundarzt namens Dr. Johann Georg Faust (1480 bis 1541), der zunächst dadurch Berühmtheit erlangte, dass er von keinem Geringeren als Martin Luther als „Teufelsbündler“ beschimpft wurde. Dieser Faust war auch ein Forscher in den Naturwissenschaften. Er starb, als sein Labor explodierte. Man ist sich heute freilich sicher, dass es sich um ein schiefgelaufenes chemisches Experiment handelte. Zeitgenossen glaubten jedoch, aufgrund von Luthers Behauptungen, der Teufel habe ihn zerrissen, als er sich der schwarzen Magie hingab. Ein Anhänger Luthers, Johann Spies, schrieb so etwas wie eine Biografie, „Die tragische Historie von Dr. Johann Georg Fausten“, in der Absicht, das Volk zu erschrecken und vom Betreiben der Wissenschaft fernzuhalten. In den 1760er Jahren entstand, vor allem aus der Aufklärung heraus, an diesem Herrn Dr. Faust ein sehr reges Interesse in ganz Europa. Man forschte ihm nach und es entstanden zahlreiche Dichtungen, deren bekannteste die Goethes ist. Tatsächlich war Goethes Faust zunächst eine Art Anti-Klinger. Denn wo Goethe den Stoff so bearbeitete, dass er die Herzen der zartbesaiteten Hofdamen rührte und zuletzt ein Happy-End erlebt, nutzte Klinger den Stoff für einen radikalen Angriff auf die gesellschaftlichen Verhältnisse des christlichen Abendlandes. Klingers Roman ist ein Werk, das keine Kompromisse kennt. Die Sprache ist brutal, die Bilder entsetzlich. Der Charakter seines Faust ist nicht der eines tragischen Helden, sondern der eines deutschen Emporkömmlings, der sich moralisch der ihn umgebenden Gesellschaft überlegen fühlt, sie jedoch in sich selbst reproduziert. Er verkörpert ein Bewusstsein, das wir heute kognitive Dissonanz nennen. Der Teufel, der seinem Ruf folgt, ist kein Verführer, sondern ein zynischer Fatalist, verglichen mit dem aufbrausenden Faust ein abgeklärter Rationalist. Nicht von ungefähr hatte Klinger ihn nicht Mephistopheles, sondern Leviathan genannt, auf das politikphilosophische Werk des Briten Thomas Hobbes anspielend, der den Satz prägte: „homo homini lupus“, „Der Mensch ist des Menschen Wolf“.