Andreas Noßmann - Sarah Bernhardt
Sie gilt als der erste Weltstar der Geschichte. Und dies zu einer Zeit, in der die Fotografie gerade erst ihre ersten Gehversuche machte und es noch ein halbes Jahrhundert dauern sollte, bis bewegte Bilder das Kino überhaupt ermöglichten. Das Fernsehen ließ noch weitere dreißig Jahre auf sich warten. Nur wenige besaßen ein Telefon, und ein Radioempfänger war ein Privileg für Auserwählte. Erst fünfzig Jahre nach ihrem Tod nahm das Internet erste Formen an – selbstverständlich noch ohne jene sozialen Medien, die heute als allgegenwärtige Bühne für Inhalte jeder Art dienen. Und dennoch erreichte die Französin Sarah Bernhardt (1844 – 1923) eine weltweite Bekanntheit, die selbst heutige Stars mit ihren digitalen Reichweiten erblassen lässt. Sie war nicht nur eine gefeierte Theaterschauspielerin, sondern auch Malerin und Bildhauerin. Sie reiste von Kontinent zu Kontinent, ohne den Komfort eines Flugzeugs, geschweige denn eines Sitzes in der ersten Klasse. Wochenlange Überfahrten mit dem Schiff, beschwerliche Bahnreisen, improvisierte Unterkünfte – all das nahm sie in Kauf, um in den großen Metropolen der Welt aufzutreten, stets begleitet von ihrem eigenen Ensemble, das sie mit eiserner Disziplin und charismatischer Autorität führte. Ihr Ruhm speiste sich aus einer Mischung aus Talent, Exzentrik und einer geradezu modernen Fähigkeit zur Selbstinszenierung. Sie verstand es meisterhaft, Mythen um ihre Person zu weben: der Sarg, in dem sie angeblich schlief; die Löwen, die sie hielt; die extravaganten Kostüme, die sie selbst entwarf. All dies machte sie zu einer Figur, die weit über das Theater hinausstrahlte. Sie war eine Marke, lange bevor es dieses Wort im heutigen Sinne gab. Gleichzeitig war sie eine Pionierin der künstlerischen Unabhängigkeit. Sie übernahm die Leitung des Théâtre de la Renaissance, später des Théâtre Sarah-Bernhardt, und bestimmte selbst, welche Stücke sie spielte und wie sie inszeniert wurden. Sie wagte Rollen, die für Frauen ihrer Zeit unüblich waren – Hamlet, Lorenzaccio, der junge Pelléas. Ihre Stimme (die besonders bezaubernd gewesen sein soll), ihre Gestik, ihr unverwechselbarer Stil prägten Generationen von Schauspielerinnen und Schauspielern. Dass sie trotz körperlicher Einschränkungen – nach einer Verletzung musste ihr später ein Bein amputiert werden – weiterhin auftrat, zeugt von einer fast übermenschlichen Entschlossenheit. Sie spielte im Sitzen, ließ Szenen umstellen, passte Rollen an ihre Möglichkeiten an. Das Publikum liebte sie dafür umso mehr: für ihre Hingabe, ihre Verletzlichkeit, ihre Unbeugsamkeit. Sarah Bernhardt war eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Sie verstand die Macht der Bilder, bevor es Massenmedien gab. Sie begriff die Bedeutung von Internationalität, bevor Globalisierung ein Begriff wurde. Und sie lebte eine künstlerische Freiheit, die bis heute als Vorbild dienen kann. Vielleicht erklärt gerade das, warum ihr Name bis heute nachhallt: Sie war nicht nur eine Schauspielerin, sondern ein kulturelles Ereignis. Eine Frau, die sich selbst erfand – und damit eine Blaupause für den modernen Begriff des Stars schuf.

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