Die Gamburger Hexenjagd von 1616
Gelesen in der Walpurgisnacht 2020 im Rittersaal der Gamburg Nur wenige Kapitel der abendländischen Kulturgeschichte sind heute so sehr mit falschen Vorstellungen behaftet wie die Hexenverfolgungen. Obwohl sie oft als eine Erscheinung des „finsteren Mittelalters“ angesehen werden, galt der Hexenglaube damals eigentlich als häretisch (canon episcopi). Erst als in der frühen Neuzeit einzelne Aspekte des Magieglaubens in das Strafrecht der frühmodernen Staaten übertragen wurden, kam es zum klassischen Hexenbild und Massenverfolgung. Dabei wurden Hexenprozesse meist von weltlichen Institutionen angestrengt und durchgeführt. Die spanische und römische Inquisition lehnte Hexenjagden sogar ausdrücklich ab. Zielten die weltlichen Hexenprozesse auf die Bestrafung vermeintlich Schuldiger ab, strebte die Inquisition deren Umkehr an. Hexenverfolgungen waren vor allem Ausdruck von Ängsten in der Bevölkerung während der Kleinen Eiszeit, der Pest und der Konfessionskriege. Sie äußerten sich oft als regelrechte Volksbewegungen, sogar gegen den Willen der weltlichen Obrigkeit und der Kirchen. So kann man auch die Gamburger Hexenjagd von 1616 durchaus als typisch bezeichnen. Damals waren in der Walpurgisnacht die dortigen Weinstöcke erfroren und bald danach in einem furchtbaren Hagelsturm zusammen mit den Obstbäumen auf Jahre hinaus vernichtet worden. Das sich daraufhin verschwörende Volk zerrte zwei schon lange der Zauberei verdächtige Frauen aus ihren Häusern und sperrte die eine ins gemeine Strafhaus des Fleckens (sie kam später ins „Narrenhäuslein“, einem Gefängniskäfig auf der Burg), die andere aber ins Gemeindewirtshaus mit Gerichtsstube (dem Vorläufer des heutigen „Grünen Baums“). Die Amtskeller der zwischen Burg („Oberes Schloss“) und „Unterem Schloss“ geteilten Herrschaft wurden daraufhin zwei Tage lang von der Gemeinde bedrängt, die Frauen zu examinieren und in Verwahrung zu nehmen. Da die beiden nicht gestanden, musste man sie, um sie zu foltern, dem mainzischen Zentgericht zu Külsheim ausliefern, dem die Blutgerichtsbarkeit über Gamburg zustand. Doch widersetzte sich die Gemeinde, weil sie fürchtete, man würde dort „zu leise“ mit ihnen verfahren. So wandte sich der Herr des Unteren Schlosses, Schweickart von Sickingen, schließlich direkt an den Mainzer Erzbischof – den Bruder des verstorbenen Herrn der Gamburg, die nun von seiner Witwe, Margareta von Kronberg, geführt wurde. In dem daraufhin zwischen dem Erzbischof und der Gemeinde ausbrechenden Kanzleistreit über die Übernahme der Gerichtskosten wegen der eigenmächtigen Festnahme der Hexen gab Kurmainz schließlich nach Monaten notgedrungen nach und erließ den Befehl, die Hexen an Külsheim auszuliefern, um sie dort ex officio zu prozessieren... Während dieses Kostenstreits beanspruchte die Burg offenbar zum ersten Mal die Blutgerichtsbarkeit über die Gamburger Teilherrschaft für sich und erklärte sich somit von Mainz unabhängig. De facto entglitten diese Rechte dem Erzstift immer mehr, was schließlich zur später so genannten „Reichsherrschaft Gamburg“ führte. So spiegelt sich in der Gamburger Hexenjagd von 1616 ein kurioses Stück deutscher Rechts-, Kultur- und Territorialgeschichte, das letztlich auch den beiden Hexen ein durchaus überraschendes Ende bereitete... http://burg-gamburg.de/ Literatur: Franz Gehrig: Gamburg. Eine Perle im lieblichen Taubertal, Tauberbischofsheim 1998 Fridolin Solleder: Hexenwahn, Zauberei und Wunderglauben in Franken. Nach neuen Quellen des Juliusspital-Archivs Würzburgs; In: Frankenland 1914, Heft 2/3 (Jg. 1) Fotos der Gamburg und unserer Sagen- und Geisterführungen: Goswin von Mallinckrodt, Gerd Brander, Arthur Hehn, Wilhelm Strake, Gerhard Klinger Bilder: Alexandre-Marie Colin, Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien, Jacques Aliamet (nach David Teniers) Edit: Goswin von Mallinckrodt

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